Familie und Beruf: Familienfeindlicher Bundestag 

Vielleicht sind die Umzugskartons in Swen Schulz’ Abgeordnetenbüro ein Zeichen. Ich bin bald raus hier! Schulz, 51, ist MdB der SPD-Bundestagsfraktion. Der schlaksige Berliner sitzt seit 2002 im Parlament. Er hat Gerhard Schröder überlebt und große Koalitionen. Seine Partei verliert gerade ihre Bedeutung. Einer der Hauptgründe, 2021 bei der Bundestagswahl nicht mehr anzutreten, ist aber ein anderer: Schulz möchte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Vielleicht ist es ihre unverwechselbar optimistische Art, die Katja Kipping sagen lässt: “Elternschaft und politisches Engagement – das ist nicht immer einfach, aber es geht.” Die Parteivorsitzende der Linken, 41 Jahre alt, kommt gerade vom Talkshow-Auftritt, sitzt in einem Café am Hamburger Hauptbahnhof und trinkt ihre Rhabarbersaftschorle. Als Mutter einer achtjährigen Tochter hat auch sie ein Ziel: So viel Zeit wie möglich mit ihrer Familie verbringen.

Der Beruf Politiker ist familienfeindlich

Die Perspektiven von Schulz und Kipping sind unterschiedlich, der Anspruch ist der gleiche: 2019 ist es zeitgemäß, dass auch Politiker Eltern sein können. Dass ihr Privatleben ähnlich strukturiert sein darf wie bei Otto Normal. Doch trotz vieler Privilegien ist das eine schwierige Mission. Es braucht vor allem die Bereitschaft, nein zu sagen und sich Freiräume zu schaffen. Der Beruf Politiker ist familienfeindlich. Er verlangt vor allem, gegen Zeitfresser wie Sitzungen und Abendtermine zu kämpfen. Nur wer es wirklich will, kann diesen Kampf gewinnen.

Winston Churchill, von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 britischer Premier, hat einmal gesagt, es sei einfacher, eine Nation zu regieren, als vier Kinder zu erziehen. Churchills erste Amtszeit fiel wohlgemerkt in den Zweiten Weltkrieg. Wie viel Kampfgeist der Wechsel zwischen harter Politik und zärtlicher Kinderfürsorge erfordert, erleben Swen Schulz und Katja Kipping täglich.

Schulz hat zwei kleine Kinder: eine sechsjährige Tochter und einen zweijährigen Sohn. Aus seiner ersten Ehe stammt eine heute 16-jährige Tochter. “Um die habe ich mich damals wegen meines Berufes viel zu wenig gekümmert”, sagt Schulz, der sein Gegenüber manchmal starr durch seine Brille fixiert und dabei etwas abwesend wirkt.

Quelle: Familie und Beruf: Familienfeindlicher Bundestag | ZEIT Arbeit

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