Flüchtlinge bei Vaude: „Wir rechnen mit Produktionsausfällen in Höhe von 247.000 Euro“

Flüchtlinge bei Vaude: „Wir rechnen mit Produktionsausfällen in Höhe von 247.000 Euro“

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Neun Flüchtlinge beschäftigt der deutsche Outdoor-Ausrüster Vaude. Fünf von ihnen droht nun die Abschiebung. Vaude-Chefin Antje von Dewitz kämpft dagegen – und rechnet der Kanzlerin in einem Brief die wirtschaftlichen Folgen vor.

Antje von Dewitz hätte allen Grund, vor Wut zu schäumen. Doch stattdessen schreibt die Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters Vaude einen sachlichen Brief an die Kanzlerin. Die Zeilen, die sie Anfang der Woche an Angela Merkel schickt, haben es in sich: Sie schreibt, warum sie und ihre Mitarbeiter sich von Merkel und der Politik im Stich gelassen fühlen.

Von Dewitz hatte Angela Merkel beim Wort genommen, als diese die deutschen Unternehmer immer wieder aufforderte, mehr Flüchtlinge einzustellen. Merkels Appell traf bei der Unternehmerin auf offene Ohren. Von Dewitz sah sich ohnehin in der Verantwortung, ihren Beitrag zu leisten, „geflüchtete Menschen schnell zu integrieren und damit auch eine soziale Spaltung innerhalb von Deutschland mit zu verhindern“, wie sie in ihrem Brief schreibt. Doch für ihr Engagement muss die Vaude-Chefin jetzt bezahlen.

Was ist passiert?

Neun Flüchtlinge fanden Arbeit bei Vaude

Vaude hatte in den vergangenen zwei Jahren Flüchtlinge aus Syrien, Nigeria, Gambia, Irak und Afghanistan eingestellt, insgesamt neun. „In unserer Näherei und Schweißerei hatten wir offene Stellen, die wir nur sehr schwer und kostenintensiv durch Zeitarbeit besetzen konnten. In diesen Bereichen herrscht in Deutschland ein akuter Fachkräftemangel“, schreibt von Dewitz.

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Die Personalabteilung und eigene interne Integrationsbeauftragte unterstützten die neuen Kollegen nach von Dewitz‘ Angaben mit Deutschkursen, bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche und übernahmen Anwaltskosten. Für ihr Engagement wurde die Firma vor kurzem mit dem baden-württembergischen LEA Mittelstandspreis für soziale Verantwortung und dem Demografie Exzellenz Award in der Kategorie „fremd & heimisch“ ausgezeichnet.

Über 10.000 Euro Anwaltskosten – und 247.000 Euro Produktionsausfall

Doch dann das: Fünf der neun Mitarbeiter bekamen laut von Dewitz in den vergangenen Monaten einen Ablehnungsbescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Sie werden abgeschoben. Einem Mitarbeiter sei sogar eine Abschiebung binnen sieben Tagen angekündigt worden. Bei zwei weiteren läuft das Asylverfahren noch.

Auch für die Firma: ein Schock. „Wir sind mit so viel Aufwand und so viel Herzblut an die Sache herangegangen. Dann passiert sowas. Das ist einfach furchtbar“, sagt von Dewitz impulse.de. Die Firma wollte das nicht hinnehmen. Sie reichte gegen alle Ablehnungsbescheide Klage ein. Die Anwaltskosten, die Vaude übernahm, belaufen sich inzwischen auf über 10.000 Euro.

Doch das sei längst nicht alles. Der wirtschaftliche Schaden sei laut von Dewitz immens. Sie schreibt: „Wir werden weniger produzieren können, Aufträge nicht bedienen können sowie Umsatz, Reputation und Kunden verlieren. Werden alle sieben Kollegen abgeschoben, rechnen wir mit Produktionsausfällen in Höhe von 247.000 Euro […], bei einer Nachbesetzungszeit von zwei Monaten und einer Einarbeitungszeit von einem Monat. Dazu kommen noch Kosten für die Aufwände der Nachbesetzung und Einarbeitung.“

Tiefe Verzweiflung – bei den Flüchtlingen und ihren Teamkollegen

Ihrem Brief hat die Unternehmerin eine genaue Auflistung sämtlicher Kosten beigefügt. „Aber es geht nicht allein um unsere Kosten. Wir haben auch staatliche finanzielle Unterstützung bekommen“, sagt die Unternehmerin. Geld, das verpufft, wenn die Geflüchteten abgeschoben werden.

Zu dem wirtschaftlichen Schaden kommt die Enttäuschung. „Neben diesen Kosten, der nervenaufreibenden Anspannung, der entstandenen Arbeitsbelastung in unserer Organisation, der tiefen Verzweiflung unter den Geflüchteten und darüber hinaus bei ihren Teamkollegen, bedeutet das im schlimmsten Fall für uns, dass wir sieben wertvolle, eingearbeitete Mitarbeiter verlieren, die wir zudem überhaupt nicht leicht nachbesetzen können.“

Von Dewitz schrieb direkt an die Kanzlerin

Vaude kämpfte weiter für die neuen Mitarbeiter. Die Firma schrieb Briefe an das Regierungspräsidium, das Innenministerium, das Integrationsministerium und den Ministerpräsidenten. „Wir stießen dabei auf ganz viel Verständnis. Doch immer wieder kam die Aussage, dass den Behörden innerhalb der Gesetzgebung die Hände gebunden seien“, sagt von Dewitz. „Das heißt, im Grunde können wir bei der jetzigen Gesetzeslage keine Menschen mehr einstellen, die sich noch im Asylverfahren befinden.“

Schließlich sah die Vaude-Chefin nur noch einen Weg: Sie schrieb direkt an die Kanzlerin. Mit ihrem Brief will sie auf die widersinnige Situation aufmerksam machen: Es fließe Geld und Engagement in die Integration von Geflüchteten, was absolut sinnvoll sei – und dann würden sie abgeschoben. „Es ist ein irrer wirtschaftlicher und menschlicher Schaden, der da entsteht“, sagt sie.

Appell für Bleiberecht und bessere Einwanderungsbedingungen

In dem Brief spricht sie sich darum aus für ein Bleiberecht und Rechtssicherheit für Geflüchtete, „die bereits durch Ausbildung oder Festanstellung erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert wurden, für ihr eigenes Einkommen sorgen oder auf dem Weg dahin sind. Aus unserer Sicht würde ein solches Bleiberecht nicht nur die Unsicherheit, in der die Menschen leben müssen, beseitigen, sondern auch uns als Arbeitgeber Sicherheit und Klarheit verschaffen.“

Sie fordert zudem, die Einwanderungsbedingungen zu verbessern, um so besser dem Fachkräftemangel und dem demografischen Wandel begegnen zu können. Von Dewitz dürfte hier auch anderen Unternehmern aus dem Herzen sprechen.

Warten auf Nachricht von Merkel

Und was sagt die Kanzlerin dazu? Die habe sich bisher noch nicht gemeldet, so die Vaude-Chefin. „Natürlich ist es mein tiefer Wunsch, am besten morgen noch von ihr die Nachricht zu bekommen, dass meine Mitarbeiter bleiben können, aber ich mache mir da keine Illusionen. Es geht mir auch weniger darum, dass für mein Unternehmen Ausnahmen gemacht werden.“

Mit dem Brief habe sie vielmehr ein Bewusstsein für die verfahrene Situation schaffen und eine Debatte anstoßen wollen. „Ich möchte Skeptikern zeigen, dass die Integration von geflüchteten Menschen auch wirtschaftlich sinnvoll ist“, so von Dewitz. Die Flüchtlingsdebatte sei oft mit der Angst vor Überfremdung verbunden. „Auch bei uns in der Firma herrschte am Anfang Skepsis. Heute arbeiten alle gut zusammen, sind ein eingeschweißtes Team“, sagt sie.

Und was erwartet die Unternehmerin von der Kanzlerin? „Mut – Mut, die Gesetze zu ändern.“


Flüchtlinge einstellen: Das sollten Arbeitgeber wissen

Sie sind Arbeitgeber und denken darüber nach, selbst Flüchtlinge zu beschäftigen? Welche Vorschriften rund um Aufenthaltstitel, Arbeitserlaubnis und Vorrangprüfungen Sie kennen sollten, erfahren Sie in dem Artikel: „Flüchtlinge einstellen: Das sollten Arbeitgeber wissen“.

Quelle: Flüchtlinge bei Vaude: „Wir rechnen mit Produktionsausfällen in Höhe von 247.000 Euro“ | impulse

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