Präsentismus: “Mitarbeiter prahlen mit dem Aspirin-Pulver in der Schublade”

Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland gehen trotz Krankheit zur Arbeit. Die Zahl der Angestellten, die krank arbeiten, ist laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund auf 76 Prozent gestiegen. Und die Deutschen gehen nicht nur häufiger, sondern auch immer länger angeschlagen zum Arbeitsplatz. Ein Viertel tut dies an mindestens 15 Tagen im Jahr. Weitere 20 Prozent waren 10 bis 14 Tage lang trotz Krankheit im Dienst. Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann erklärt, welche Menschen besonders anfällig dafür sind, weshalb der sogenannte Präsentismus auch Unternehmen schadet und wie Führungskräfte gute Vorbilder sein können.

ZEIT ONLINE: Wann waren Sie das letzte Mal krank arbeiten, Herr Hagemann?

Tim Hagemann: Das passiert mir manchmal. Ich bin aber auch in einem der typischen Berufsfelder unterwegs, in denen das häufig vorkommt. Berufe mit vielen sozialen Kontakten, personenbezogenen Tätigkeiten und dem Gefühl, unersetzlich zu sein. Ich bin Hochschullehrer und da fällt es einem schwer, eine Vorlesung ausfallen zu lassen. Vor allem auch, wenn man weiß, dass viele berufsbegleitende Studierende extra anreisen. Deshalb kommt es auch hin und wieder vor, dass ich erkältet Vorlesungen halte, was eigentlich nicht vernünftig ist.

Präsentismus: Tim Hagemann ist Professor an der Fachhochschule für Diakonie am Lehrstuhl Arbeitspsychologie und leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Berlin.
Tim Hagemann ist Professor an der Fachhochschule für Diakonie am Lehrstuhl Arbeitspsychologie und leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Berlin.

ZEIT ONLINE: Dann gehören Sie zu den 76 Prozent aller Angestellten, die laut einer neuen Studie in Deutschland im letzten Jahr trotz Krankheit zur Arbeit gegangen sind. Wieso tun das so viele?

Hagemann: Man muss sagen, dass die Forschungslage schwierig ist, all die Studien beruhen immer auf Selbsteinschätzungen. Diese zeigen: Immer dort, wo eine hohe soziale Verantwortung herrscht, gehen Angestellte häufiger krank zur Arbeit. Dann sprechen sie von einem Pflichtgefühl. Einerseits den Kolleginnen gegenüber, aber auch den Menschen, die von ihrem Dienst abhängig sind.

ZEIT ONLINE: Gibt es Berufsgruppen, die besonders anfällig dafür sind?

Hagemann: Es sind vor allem die sozialen Berufe betroffen. Also Angestellte im Gesundheitswesen, wie Pflegekräfte oder Ärztinnen, aber auch Lehrer und Erzieherinnen. Dort trifft ein starkes Pflichtgefühl auf die Tatsache, dass diese Angestellten aufgrund des Fachkräftemangels schwer zu ersetzen sind. Die Personalschlüssel sind schon ohne Krankheit oft schlecht. Wer dann krank wird, hat ein schlechtes Gewissen, weil die Kollegen unterbesetzt sind oder andere aus ihrer Freizeit gerufen werden.

ZEIT ONLINE: Also können wir nicht von der Volkskrankheit Präsentismus sprechen. Ist das alles nur ein Phänomen der sozialen Berufe?

Hagemann: Nein. Sie sind besonders stark betroffen, aber das zieht sich durch alle Berufsgruppen. Das kommt auch vermehrt bei Führungskräften aller Art vor, weil diese eine hohe Verantwortung oder einen besonderen Konkurrenzdruck spüren. Ebenfalls lässt sich der Präsentismus auch bei Berufsanfängerinnen oder Angestellten mit befristeten Verträgen beobachten. Da herrscht dann vor allem die Sorge, dass sie berufliche Nachteile fürchten müssen, wenn sie sich krankmelden.

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Quelle: Präsentismus: “Mitarbeiter prahlen mit dem Aspirin-Pulver in der Schublade” | ZEIT Arbeit

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